Sonntag, 6. März 2016

Im Buch-Tempel der Todesblogger

Bruckmann betrat den Blogger-Tempel unter größter Vorsicht. Der Dschungel, den er durchquert hatte, die lange Fahrt in dem wurmstichigen Kanu, die Wasserfälle, Krokodile, Raubkatzen und Schlangen und wilden, stets hungrigen Kannibalenstämme – das alles war ein gottverdammter Witz gegen das, was ihn hier erwarten würde. Er atmete tief durch, schob sich den Tropenhelm etwas aus der, langsam höher werdenden, Stirn und entzündete die Fackel.

Der Gang schien, wie der Rest des Tempels auch, gänzlich aus Büchern erbaut worden zu sein, die kunstvoll, und, das spürte Bruckmann instinktiv, mit größtmöglichem Respekt aneinander gefügt worden waren.

Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen, drang immer weiter vor in die buchstabenschwere Dunkelheit. Er konnte im Fackellicht das Ende des Ganges nicht erkennen und bald verlor er jegliches Zeitgefühl. Immer wieder blieb er stehen, bewunderte diesen oder jenen, besonders schönen, Einband, ließ seine Finger über die unzähligen Buchrücken gleiten, die ihn umgaben. All diese Ideen, all die Arbeit, die in jedem einzelnen Baustein des Tempels steckte, all das ließ ihn vor Ehrfurcht erschauern.

Sein Blick fiel auf ein Buch, das sich nicht so recht in die psychedelische, lovecraftsche Symmetrie der Wände einfügen wollte. Auf der rechten Gangseite, ungefähr auf Kniehöhe ragte es, ein winziges Stückchen nur, aus dem Gefüge der Mauer.
Vorsichtig ging er darauf zu, beugte sich hinunter und hielt die Fackel so, dass er die Worte auf dem ledernen Einband lesen konnte. Zunächst hatte er Schwierigkeiten, die blutroten Lettern im flackernden Licht zu entziffern, denn sie entzogen sich ihm auf unheimliche Weise.

Immer wenn er dachte, er habe gerade eines der Wörter entschlüsselt verschwammen die Buchstaben vor seinen Augen.
Er konnte sie nicht fassen, weder die Worte auf dem Einband, noch die Tatsache, dass er es soweit in den Tempel hineingeschafft hatte, nur damit ihn jetzt, jetzt wo er sein Ziel beinahe erreicht hatte, seine Augen im Stich ließen.

Schon wollte er sich abwenden, den Gang hinab, weiter in die allumfassende Druckerschwärze gehen, da erinnerte er sich wieder.

Hatte der alte Bibliothekar an der Miscatonic University, der ihm den vergilbten Lageplan des Tempels für eine unverschämt hohe Summe unter der Hand verkauft hatte, nicht noch ein paar wirre Worte mit auf den Weg gegeben? Einen heidnischen Vers, der noch aus einer Zeit zu stammen schien, in der die Menschen noch nicht an der Spitze der Nahrungskette standen und sich aufführten wie gedankenlose Parasiten?

Fieberhaft kramte Bruckmann in seinen Erinnerungen und als er die Worte in den Tiefen seines Geistes fand, konnte er einen triumphierenden Aufschrei nicht unterdrücken.
Ihm rann der Schweiß unter dem Tropenhelm hervor, als er laut und mit fester Stimme rezitierte:

Bloggaah! Blogaah!
Buchhörohrenfreund!
Lesurgmann und Rorrohfrau!
Bloggaah! Blogaah!
Buchhörohrenfreund!
Rellirhtfrau und Tiezdnemann
Bloggaah! Blogaah!
Buchhörohrenfreund!
Ohret mein Gesprech!

Als die letzte Silbe verklungen war, kam ihm der eigene Atem in der Stille laut vor. Hatte er es richtig aufgesagt? Er war sich dessen fast sicher, aber warum geschah dann nichts?
Hatte der Alte sich einen Scherz mit ihm erlaubt?
Vielleicht hatte eine Betonung nicht gestimmt?
Gerade wollte die Worte ein weiteres Mal aussprechen, mit mehr Inbrunst und mit geschlossenen Augen, da nahm er das Leuchten wahr, das von dem geheimnisvollen Buch ausging.
Er war nicht in der Lage den Blick abzuwenden, als es, wie von Geisterhand berührt, zu vibrieren begann und sich langsam aus der Mauer heraus schob.
Weiter und weiter schien das Buch aus der Mauer gezogen zu werden, und Bruckmann rieb sich die Augen, schlug sich selbst ins Gesicht, weil er einfach nicht glauben konnte, was er sah.

Das Buch hatte jetzt keinen Kontakt mehr zu irgendeinem der anderen und eigentlich hätte es zu Boden fallen müssen, doch stattdessen – er wagte kaum hinzusehen – schwebte es vor ihm in der Luft!
Es drehte sich langsam um die eigene Achse, so lange, bis er die Worte auf dem Einband, die jetzt nicht mehr vor seinen Augen verschwammen, lesen konnte, wenn er sich nur stark genug darauf konzentrierte.

Sie waren winzig klein geschrieben und das Alter der Häute, in die das Buch eingeschlagen war, machte sie nicht einfacher zu entziffern.
Vorsichtig, wie um das Buch nicht zu erschrecken, wie um den geheimnisvollen Zauber nicht zu unterbrechen, holte Bruckmann seine Lupe hervor, und als er das getan hatte, geschah das zweite Wunder.

Das Buch glitt nahe an ihn heran und er wagte es nicht sich zu bewegen, obwohl seine anfängliche Ehrfurcht sich langsam aber sicher in Furcht zu verwandeln begann.

Ihm stockte der Atem als sich der Deckel des Buches hob und Bewegung in die Seiten kam. Eine nach der anderen wurde von unsichtbarer Hand umgeblättert, immer schneller flogen die Seiten und bald waren sie so schnell, dass sie vor seinen Augen verschwammen und ein kühler Luftzug sein schweißnasses Gesicht streichelte.

Dann, mit einem Mal, hörte das Blättern auf.
Er war sich sicher, das Buch wollte ihm etwas mitteilen!
Er hob die Hand mit der Lupe und beugte sich vor.
Letter um Letter tastete er mit den Augen ab und als er die unheilvollen Worte in seinem Kopf zusammengesetzt hatte, barst ein hysterisches Lachen aus ihm heraus.

Ein Lachen so voller Wahnsinn und Schmerz und so laut, dass die Mauern des Bloggertempels, für dessen Entdeckung er so viele Mühen auf sich genommen hatte, für dessen Entdeckung er so vielen Gefahren getrotzt hatte, zu wanken begannen.
Spinnweben, Staub und einzelne Buchseiten rieselten auf ihn herab wie trockener Regen, und als ihn endlich eine schwere Ausgabe von Tolkiens Meisterwerk am Kopf traf und er erschrocken aufschrie - da war der Bann gebrochen.

Er musste raus hier!

Bruckmann begann zu rennen.

Als die Eingeborenen von Bloggonien ihn mehrere Tage später, im Dschungel umher irrend, fanden, war er apathisch.
Mit glasigen Augen wiederholte er einen einzigen Satz immer und immer wieder und auch wenn die Bloggonesen die Bedeutung der Worte nicht verstehen konnten, spürten sie instinktiv das Unheil, das von ihnen ausging.
Noch lange Jahre, nach dem Bruckmann wieder nach Europa zurück gekehrt war, wurde an den blogonischen Feuern flüsternd von ihnen berichtet.
Für ihre Ohren hörten die Worte sich an wie:

„Hör auf zu spinnen, Bruckmann! Sag´doch einfach das Du Blogger suchst, die Deine Hörbücher rezensieren möchten!“

ENDE ;)



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